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Interview

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Migrationssensible Angebote Ein Angebot der leckeren Art: nach dem Interview gab es eine Runde Erdbeerkuchen.

"Es gibt keine Fettnäpfe. Es sei denn, man redet sich solche ein."

Sensibel, vorurteilsfrei und flexibel: medienpädagogische Angebote für Zielgruppen mit Migrationshintergrund

In Kooperation mit dem Ministerium für Integration qualifiziert die Aktion Jugendschutz (ajs) die Referentinnen und Referenten ihres LandesNetzWerks für die Durchführung migrationssensibler medienpädagogischer Angebote. Als Teil der Initiative Kindermedienland bietet die ajs neuerdings Elternabende, Schülerworkshops und Kita-Veranstaltungen an, die sich speziell an Zielgruppen mit Migrationshintergrund richten. Von den Projektleitern Henrik Blaich und Ursula Kluge wollten wir wissen, wie das Angebot aufgebaut ist und was die migrationssensible Arbeit so besonders macht.

Was war für das Projekt „Migrationssensible medienpädagogische Angebote“ die Initialzündung?

Henrik Blaich: Die ajs führt bereits seit einiger Zeit zusammen mit dem Ministerium für Integration ein Projekt zum Thema „Zwangsverheiratung“ durch. Das Ministerium für Integration wollte sich auch ins Kindermedienland einbringen und es mitgestalten. Wir haben den Kollegen daraufhin unser LandesNetzWerk für medienpädagogische Elternarbeit vorgestellt, dass wir seit 15 Jahren erfolgreich betreiben. Auch unsere Erfahrungen aus dem Angebot „ajs Medienscouts Jugendhilfe“, das wir zusammen mit Jugendhilfeeinrichtungen durchführen, sind in die Planung mit eingeflossen. Das Konzept für Zielgruppen mit Migrationshintergrund haben wir auf Grundlage dieser bestehenden Angebote entwickelt.

Die migrationssensiblen medienpädagogischen Angebote befinden sich bereits in der zweiten Phase. Was lief im letzten Jahr?

Ursula Kluge: Das Angebot läuft in mehreren Abschnitten ab. In Baden-Württemberg können wir mit unserem LandesNetzWerk auf über 120 pädagogische Fachkräfte zugreifen, die in medienpädagogischen Fragen qualifiziert sind. Diese bestehende Infrastruktur hat auch das Ministerium für Integration besonders angesprochen. Bislang hat aber der migrationssensible Fokus gefehlt. Deshalb haben wir im letzten Jahr für unsere Referentinnen und Referenten aus dem LandesNetzWerk eine zweitägige Fortbildung angeboten. So hat sich im LandesNetzWerk eine Gruppe gebildet, die speziell für die migrationssensible Arbeit ausgebildet ist. Die meisten Referentinnen und Referenten arbeiten ja bereits hauptberuflich mit solchen Zielgruppen zusammen, entweder in der offenen Jugendarbeit oder in der Schulsozialarbeit. Deswegen passte das ganz gut zusammen.

Es existieren ja bereits einige Angebote zur Mediennutzung. Warum noch ein spezielles migrationssensibles Angebot? Sind die Medienthemen nicht überall die gleichen?

Henrik Blaich: Die Medienthemen sind weitestgehend überall die gleichen. Aber ich glaube, dass sich die Herangehensweise je nach Zielgruppe unterscheidet. Häufig liegt das an der Sprachbarriere, egal ob in gemischten oder einsprachigen Gruppen. Gerade bei gemischten Gruppen muss man sich überlegen, wie man seine Veranstaltungen strukturiert. Der Ablauf muss für die Teilnehmer mit deutscher oder ausländischer Muttersprache gleichermaßen funktionieren, unabhängig davon ob man mit Dolmetschern arbeitet.

Ursula Kluge: Wir rücken bestimmte Zielgruppen auch nicht in den Mittelpunkt, weil wir davon ausgehen, dass bei denen eine besondere Mediennutzungsproblematik vorliegt. Wir wissen aber, dass bestehende Angebote solche Familien bislang noch nicht da abgeholt haben, wo sie stehen. Das kann durchaus an der Sprachbarriere liegen. Diese Rahmenbedingungen sollten unsere Referentinnen und Referenten bei der Vorbereitung berücksichtigen.

Geht es nur um sprachliche Unterschiede oder auch um kulturelle Settings?

Henrik Blaich: Kulturelle Unterschiede können auch vorkommen Ein Beispiel wären muslimische Frauen im Müttercafé eines Moscheevereins. Hier kann ich als Referent schnell unsicher werden und denken, dass kulturelle Unterschiede bestehen und dann im Kopf auf einmal Fragen auftauchen: Kann ich dies und jenes so formulieren? Ich bezweifle aber, dass diese Fragestellungen wirklich hilfreich sind.

Ursula Kluge: Es geht gar nicht darum, was diese Eltern so unterscheidet. Die Frage muss lauten, welchen Unterschied es für die Referentin oder den Referenten macht. Sie sollten genau wissen, was in ihren Köpfen abläuft und welche Barrieren vorhanden sein könnten. Im ersten Modul haben unsere Referentinnen und Referenten gelernt, dass sie sich selbst hinterfragen müssen. Manche Dinge haben nur den Anschein einer Hürde, sie sind es aber nicht. Sexualität in den Medien ist so ein Thema. Es kann sein, dass eine Referentin oder ein Referent Angst hat, dieses Thema im Workshop anzusprechen. Es bedeutet aber nicht, dass die Teilnehmer auch Angst vor dem Thema haben. Deswegen sollen sich unsere Referentinnen und Referenten im ersten Modul erst einmal mit den eigenen Bildern auseinandersetzen, um dann möglichst vorurteilsfrei und offen auf die Eltern zuzugehen. Dann lernen sie, wie sich das System Familie in anderen Kulturen unterscheiden kann, dass zum Beispiel die Rolle von Vater und Mutter anders gewichtet sein kann.

Henrik Blaich: Gerade bei Erziehungsthemen kann man nicht von kulturellen Stereotypen ausgehen. Es gibt aber je nach Milieu bestimmte Prägungen, die in feinen Nuancen beibehalten werden. Diese Nuancen zu kennen, macht die Referentinnenund Referenten im Vorfeld sicherer.

Besteht dennoch die Gefahr, dass man als Referent oder Referentin in bestimmte Fettnäpfe tritt?

Ursula Kluge: Wir haben dazu bislang keine Rückmeldungen. Unsere Referentinnen und Referenten haben ja in unserer Fortbildung gelernt, dass es letztendlich keine Fettnäpfe gibt. Es sei denn, man redet sich solche ein. Wir wünschen uns, dass sie auf die Familien offen zugehen und bei Unsicherheiten einfach nachfragen. Das ist besser, als bestimmte Themen im Vornherein nicht anzusprechen.

Henrik Blaich: Ein Beispiel kommt mir doch. Wenn ich z.B. bei methodischer Arbeit mit Figuren aus dem deutschen Kinderfernsehen arbeiten möchte, dann sollte ich bedenken, dass Eltern aus anderen Ländern, diese eventuell nicht kennen. Solche Überlegungen geben mehr Handlungssicherheit.

"Ein eigener Migrationshintergrund ist für angehende Referenten keine zwingende Voraussetzung."

Bei der Auswahl der Referenten und Referentinnen: was macht denn eine migrationssensible Referentin bzw. einen migrationssensiblen Referenten aus?

Ursula Kluge: Das, was in dem Wort schon drin steckt: Sensibilität! Je kleiner das Setting ist, umso notwendiger ist das. Je mehr individueller Kontakt gefragt ist, umso mehr muss ich für mein Gegenüber sensibel sein. Individuelle Bedürfnisse, Grenzen und die Autonomie des Anderen müssen erkannt werden. Unsere Referentinnen und Referenten dürfen nicht „missionarisch“ auftreten oder einfach nur Informationen weitergeben. Jemanden etwas aufdrängen oder eine Zwangsveranstaltung halten, funktioniert nicht. Je bunter das Setting ist, umso offener muss der Referent bzw. die Referentin sein – gerade wenn in einer Veranstaltung neben türkischen auch russische oder italienische Eltern anwesend sind. Aus der Arbeit mit den sozialpädagogischen Familienhelfern wissen wir schon, dass Botschaften den Zielgruppen entsprechend formuliert werden müssen, damit sie den anderen erreichen können. Die Teilnehmer sollen das Thema intellektuell nachvollziehen können. Gerade beim Thema „Sexualität“ ist wichtig, den eigenen Hintergrund reflektieren und kenntlich machen zu können.

Henrik Blaich: Wir wissen, dass es eine klar definierte Kultur so gar nicht gibt. Innerhalb der einzelnen Kulturen besteht immer eine große Varianz. Auch innerhalb unserer deutschsprachigen Kultur kommt es zu einer breiten Varianz. Andererseits kann meine Vorstellung zu einem bestimmten Thema total eingeschränkt sein. Das ist erstmal gar nicht schlimm. Aber gerade deswegen sollten Referentinnen und Referenten im Vorfeld reflektieren, wie ihre Haltung ist und was das für eine Gruppe bedeutet, in der mehrere Nationen sitzen. Je nach Gruppe muss man sehr flexibel sein.

Ein Modul hatte die Überschrift „Migrationspädagogik trifft Realität“. Welche Unterschiede bestehen zwischen der Lehre und der Realität?

Henrik Blaich: Die Migrationspädagogik hat sich aus der Ausländerpädagogik und später der interkulturellen Pädagogik entwickelt. Wenn man sich diese Entwicklung anschaut, dann wurde das Thema auf der wissenschaftlichen Ebene schon sehr differenziert bearbeitet. Dies muss in der Realität des pädagogischen Alltags umgesetzt werden und da gibt es immer wieder Stolpersteine, z.B. wenn ich mich als Referent dabei „ertappe“, doch zu stark in kulturellen Klischees zu denken.

Tendiert die Migrationspädagogik eher dazu, starre kulturelle Klischees zu vermitteln?

Henrik Blaich: Die Lehre geht davon aus, dass man mit starren kulturellen Vorgaben nicht weiterkommt. Man soll stattdessen individuelle Faktoren, wie persönliche oder soziale Ressourcen, Herkunftsgeschichte oder Rassismus-Erfahrungen mit einbeziehen und sich daraus ein Bild entwickeln.

In wieweit besteht der Wunsch, dass die Referenten einen eigenen Migrationshintergrund mitbringen?

Henrik Blaich: Wir sind da vollkommen offen. Wer bei uns im LandesNetzWerk mitmacht, macht das nicht aufgrund seiner sprachlichen Fähigkeiten. Wir glauben nicht, dass nur derjenige mit einer bestimmten Zielgruppe zusammenarbeiten kann, der einen bestimmten kulturellen Hintergrund mitbringt. Die meisten unserer Referentinnen und Referenten bringen eine intensive pädagogische Erfahrung mit und wissen, wie man mit Leuten umgeht. Es ist zwar schön, wenn jemand noch eine weitere Sprache beherrscht, es ist aber keine zwingende Voraussetzung. Das Ministerium für Integration hat ganz klar gewünscht, dass heterogene Veranstaltungen stattfinden. Die Referentinnen und Referenten sollten im Vorfeld nur darauf entsprechend vorbereitet sein.

Ursula Kluge: Wir wollen bewusst kein Schubladendenken, weder im Hinblick auf die Teilnehmer, noch auf die Referentinnen und Referenten. An der einen oder anderen Stelle wird die Arbeit leichter, wenn jemand sprachlich variabel ist. Aber gerade bei gemischten Gruppen bringt eine Zweitsprache nicht so viel. Jemand, der Russisch, Italienisch, Spanisch, Griechisch, Türkisch spricht und noch dazu medienpädagogisch versiert ist, den muss man erst mal finden. Wir werden jetzt in Mannheim in Zusammenarbeit mit der Kriminalprävention zu rein muslimischen Vereinen gehen: da ist ein Referent mit türkischem Migrationshintergrund dabei. Dem kommen natürlich seine türkischen Sprachkenntnisse, aber vor allem seine Nähe zu der Zielgruppe, entgegen .

Wie bekommen die Referentinnen und Referenten ein Gefühl dafür, was bei Eltern, gerade mit einer anderen Muttersprache, angekommen ist?

Ursula Kluge: Generell ist das natürlich etwas schwierig. Die Referenten und Referentinnen können ja nicht am Ende der Veranstaltung eine mündliche Abfrage machen! Sie können höchstens nachfragen, ob es noch offene Fragen gibt.

Henrik Blaich: Oder sie können eine Folgeveranstaltung anbieten, um in Kontakt zu bleiben. Wenn aus der Veranstaltung eine Veranstaltungsreihe wird, dann lassen sich Fortschritte bei den Eltern eher ablesen.

Ursula Kluge: Wenn ich mit Humor und Freundlichkeit eine gute Atmosphäre aufbaue, kann ich natürlich am Ende der Veranstaltung ein Quiz machen und mit Multiple-Choice-Fragen rausfinden, was hängen geblieben ist. Normalerweise macht man so etwas ja zu Beginn der Veranstaltung. Man könnte das auch am Ende der Veranstaltung machen und kleine Belohnungen bereithalten, wie einen Kindermedienland-Kugelschreiber. Pädagogisch geschickt ließe sich das optimal in Gruppenarbeit machen.

„Medienquiz mit Frau Kluge“ klingt sehr nett! Was ist aktuell bei den migrationssensiblen medienpädagogischen Angeboten geplant?

Henrik Blaich: Aktuell steht eine sechstägige Fortbildung für pädagogische Fachkräfte an, die es mit Menschen mit Migrationshintergrund zu tun haben, die aber bislang noch keinen medienpädagogischen Background haben. Im nächsten Block geht es darum, wohin sich das Internet entwickelt, um das Internet der Dinge, um Datenschutz und um Big Data. Die Teilnehmer lernen, was das für die Familien bedeutet.

Ursula Kluge: Parallel dazu bieten die 25 Referentinnen und Referenten, die wir letztes Jahr ausgebildet haben, Veranstaltungen an, die mit Mitteln des Ministeriums für Integration bezahlt werden. Die Veranstaltungen für migrantische Zielgruppen in Baden-Württemberg können noch bis Ende November abgerufen werden. Das können Elternabende oder Workshops in Schulen sein. Auch bei Kindertagesstätten bieten wir verstärkt Veranstaltungen an, da hier eine hohe Nachfrage besteht.

Henrik Blaich: Ein Teil der Veranstaltungen richtet sich an spezielle kulturelle Gruppe, wie z.B. Mütter in einem Moschee-Verein. Ein anderer Teil der Veranstaltungen richtet sich an gemischte Gruppen. Da merken wir, dass wir mit unseren anfänglichen Zielsetzungen richtig lagen, eine vielfältige Palette an Formaten anzubieten.

Vielen Dank für die ausführliche Auskunft!